Scheiße, ich hab es getan

Eigentlich wollt ich mich gar nicht impfen lassen. Ich hab es nur getan, damit mir die anderen nicht mehr auf den Trichter gehen. „Hey, warum willst du dich denn nicht impfen lassen?“, haben sie gefragt. „Das ist doch kein großes Ding. Mach das doch einfach!“ Aber nein, ich wollte nicht. Nicht so. Nicht, während sie alle stolz auf Facebook ihre Impfbescheinigungen posten und schreiben: „Hurra! Ich hab heute meine erste Impfung bekommen. Dann und dann kriege ich die zweite. Dann bin ich durchgeimpft, dann kann ich endlich wieder dies und das machen“. Für dies und das kannst du irgendwas einsetzen: Arbeiten gehen, im Restaurant essen, Volleyball spielen. Das sind die Träume der bald Durchgeimpften. Ich wollte da einfach nicht mitmachen. Impfen ok, dachte ich, das kann ich mal machen, bei Gelegenheit, wenn ich es für richtig halte, wenn ich es will und nicht andere es wollen, aber nicht für 2G, 3G oder 5G und schon gar nicht dafür, daß ich zur Arbeit gehen darf.

Aber dann hatte Uli etwas „organisiert“ und in unsere Schreiberlings-WhatsApp-Gruppe geschrieben, daß ich mich am nächsten Tag vormittags in der Praxis unseres Schreibkollegen Dr. Hein ohne Anmeldung impfen lassen könne. Dr. Hein ist Facharzt für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiater, also ein Arzt, der auch Spritzen geben kann. Johnson und Johnson sei im Angebot, schrieb Uli, da müsse ich mich nur einmal piken lassen.

Ja gut, nur einmal piken, und dann lassen sie mich endlich in Ruhe, dachte ich. Also mach ich es einfach. Ja, ich mach es! Oder ich mach es nicht. Mach ich es? Oder mach ich es doch nicht? Ich mach es vielleicht! Ich entscheide das nächsten Tag.

Ich fragte noch einmal in die Whatsapp-Gruppe, ob man sich bei Johnson und Johnson wirklich nur einmal impfen lassen müsse.

Und Spider antwortete: „Ja. Nur ein mal. Das hatte der Micha auch. Seit dem ist er ganz komisch.“

„Echt? Den Impfstoff gibt es schon seit zwanzig Jahren?“, schrieb ich zurück.
Micha war schon immer irgendwie komisch, und ich war mir nicht sicher, ob Spider das ernst gemeint hatte.

Ich schrieb meiner Freundin, daß ich mit dem Gedanken spiele, mich mit Johnson und Johnson impfen zu lassen. Sie antwortete, daß sie gehört habe, daß manche Leute nach der Johnson-und-Johnson-Impfung komisch geworden seien, aber sie fände es toll, wenn ich mich impfen ließe, sie würde das sehr begrüßen, ich solle es unbedingt tun.

Ich fragte in der WhatsApp-Gruppe, ob das mit dem komisch gewordenen Micha ernst gemeint gewesen sei, und Spider antwortete: „Nein, war nur ein Scherz.“

Dennoch war ich mißtrauisch und sah nach, was Micha in letzter Zeit so auf Facebook gepostet hatte. Da war aber nichts Außergewöhnliches. Ein selbst ausgedachter Witz, ganz ok, typisch Micha, nichts Komisches. Ein abfotografiertes Hinweisschild, auf dem stand: „… hier in der Passage ist es untersagt zu Urinieren Kodieren und Onanieren verboten … Das Rauchen bitte auch hinterlassen …“ Und ein Link zu einem Artikel auf einem größeren Nachrichtenportal, der den Titel hatte: Ungeimpfte preisen Sperma als „neuen Bitcoin“. In dem Artikel stand, daß man in gewissen Kreisen glaube, die Impfung beschädige das Sperma, und daher würde das Sperma von Ungeimpften im Wert so stark steigen wie Bitcoin. In jenen Kreisen werde empfohlen, man solle, bevor es zu Zwangsimpfungen komme, noch Sperma einfrieren, um vom Wertzuwachs zu profitieren. Ich schickte meiner Freundin diesen Artikel, und sie antwortete: „Dann hast du ja noch einiges zu tun heute Nacht.“

Ich tat nichts in der Nacht, und am nächsten Morgen stand ich wieder vor der Frage: Mach ich es oder mach ich es nicht? Wo ist eigentlich die Praxis von Dr. Hein? Wo muß ich überhaupt hin?

Sicher hätte ich mich auch anderswo impfen lassen können, in einem Impfzentrum, in der S-Bahn oder einer Disco. Verrückte Angebote gab es reichlich. Aber der Hein, dachte ich, der wird mich wenigstens nicht umbringen wollen. Damit soll anderen Ärzten nicht unterstellt sein, daß sie mich umbringen wollen, aber Dr. Hein kennt mich und viele meiner Freunde, er würde sich mehr Mühe geben. Für andere Ärzte wäre ich nur irgendwer. Wenn da was schief ginge, sagten sie: „Tja, schief gegangen. Passiert eben mal.“ Dr. Hein könnte das nicht, der müßte es meinen Freunden erklären: „Leute, das ist mir jetzt unglaublich unangenehm, das war wirklich nicht so geplant, aber …“
Ich war mir sicher, er würde sich viel Mühe geben.

Es kam eine Nachricht von meiner Freundin: „Viel Glück!“, schrieb sie. „Und denk dran, trink viel, wenn du dich impfen läßt.“ Ich wußte, sie meinte, ich solle viel Wasser trinken, antwortete aber: „Viel trinken? Ich weiß nicht, was es für einen Eindruck macht, wenn ich vormittags besoffen in der Praxis eines Kinderpsychiaters erscheine.“
„Einen ganz normalen“, antwortete sie, „Die meisten Kinder dort kennen das.“

Nachdem ich mir die Adresse und Telefonnummer der Praxis aus dem Internet gesucht hatte, rief ich dort an, um herauszufinden, wann denn der Vormittag eigentlich endete. Es war mittlerweile fast 11 Uhr, und so bestand eine kleine Chance, daß ich es nicht rechtzeitig schaffen würde und ich um die Impfung käme. Die Frau, die sich klar erkenntlich als Schwester einer Kinderarztpraxis meldete, erklärte mir, daß sie keine Impfungen machen und es auch keinen Dr. Hein bei ihnen gebe.

Was war nun denn schon wieder los? Ich suchte in meinem Handy nach der Mobilnummer von Dr. Hein. Es war bestimmt schon 15 Jahre her, daß ich sie zuletzt gewählt hatte, und ich glaubte nicht, daß sie noch gültig sei, aber er meldete sich mit: „Hallo Tube“, womit klar war, daß auch er meine ebenfalls immer noch gültige Nummer im Speicher hatte.

„Uli hat geschrieben, ich könnte mir heute Vormittag Johnson und Johnson bei dir holen, aber wenn ich deine Praxis anrufe, sagt die Frau, daß es dich nicht gibt.“

„Ach ja, im Internet steht bei Google noch eine falsche Nummer, ich werd das mal korrigieren“.

„Wann ist denn der Vormittag zu Ende?“

„Um 12.“

„Ok, ich glaube, das schaffe ich nicht.“

„Kein Problem, wenn es ein bißchen später wird. Ich kann auf dich warten.“

Verdammt, die wollten mich unbedingt impfen, Uli und die Schreiberlings-Bande.

„Na gut, dann schau ich mal, daß ich mich auf den Weg mache. Aber, bevor ich mich umsonst auf den Weg mache, ich habe noch eine Frage zu dem Impfstoff Johnson und Johnson …“

„Johnson und Johnson“, unterbrach mich Dr. Hein, „die meisten sterben an der Impfung. Das ist völlig normal. Da mußt du dir keine Gedanken machen.“

Oh Mann, konnte denn keiner mal ernst bleiben? Nicht mal der Arzt?

„Ja, ist schon klar“, sagte ich. „Ich weiß, daß die meisten daran sterben. Aber hin und wieder sterben welche nicht, die kriegen Nebenwirkungen, und ich hab gelesen, daß eine Nebenwirkung von Johnson und Johnson Tinnitus sein könnte. Nun ist es so, daß ich seit einiger Zeit immer mal wieder an Tinnitus leide, und wenn ich nun Tinnitus als Nebenwirkung noch dazu bekäme, wird mein Tinnitus dann doppelt so laut?“

„Mann Tube, nein, jetzt mach dich endlich auf den Weg. Wie viel Ausreden willst du denn noch suchen?“

Als ich in der U-Bahn saß, kam es mir vor, wie eine Fahrt zu einem Flughafen, wo du in ein Flugzeug steigst, und du weißt, daß du mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht am Ziel ankommen wirst. Die Wahrscheinlichkeit ist zwar sehr gering, aber sie ist da. So ist das auch mit der Impfung. Du gehst in die Praxis, bekommst die Spritze, und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit war es das für dich. Keiner wird dich als Held feiern, du bist lediglich ein +1 in der Opferstatistik. Nur, falls du überlebst, kannst du sagen: „Hey Leute! Ich hab es getan. Schaut mich an! I got my Covid-19 vaccine“, und du kannst den Aufkleber, den du nach deiner Impfung bekommst, an dein Auto, dein Fahrrad oder auf deinen Rucksack kleben, Volleyball spielen, im Restaurant essen und zur Arbeit gehen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle einmal aller gedenken, die der Impfung zum Opfer gefallen sind, die eigentlich auch nur Helden sein wollten.

Falls ich dir in nächster Zeit irgendwie komisch vorkomme, dann weißt du, warum.

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