Robert Merle – Die geschützten Männer

Anscheinend steckt jemand in den Bücherbaum in Pankow immer wieder Bücher hinein, die gerade in die jeweilige Zeit passen. So tauchen zu Weihnachten häufig Weihnachtsbücher auf, zu Ostern Bücher, die Ostern zum Thema haben, und kurz nach der Bundestagswahl 2021 konnte ich dem Bücherbaum den Roman Die geschützten Männer von Robert Merle entnehmen. Der Roman ist 1972 zum ersten Mal erschienen und beschreibt auf gewisse Weise die jetzige Zeit und die Zukunft.

Durch ein neuartiges Virus kommt es zu einer Epidemie, die sich, trotz Grenzschließungen und unpopulärer Maßnahmen, über den gesamten Erdball verbreitet. Betroffen von der tödlichen Krankheit sind allein zeugungsfähige Männer, die sich nur immunisieren können, indem sie ihre Spermatogenese durch Kastration unterbinden.

Frauen übernehmen nach und nach Regierungspositionen, wobei sich radikale Lesben durchsetzen. Die Presse wird zensiert, es entsteht eine Hierarchie, in der Frauen an der Spitze stehen, eine Stufe darunter Männer, die sich durch Kastration gerettet haben, und ganz unten die geschützten Männer, jene die noch zeugungsfähig sind und sich durch Isolation wie zum Beispiel Flucht aufs Land vor einer Ansteckung bewahren konnten.

Der Protagonist des Romans ist Mitglied einer Gruppe geschützter Männer, die in einem streng abgeriegelten Gelände ein Serum gegen die Enzephalitis 16 genannte Krankheit entwickeln soll. Das Leben auf dem Gelände wird mit dem in einem „Konzentrationslager in Luxusausgabe“ verglichen:

… gutes Essen, geheizter Swimmingpool, Salons, Ausflüge zu Pferde. Aber auch Stacheldrahtzäune, Maschinengewehre auf Wachtürmen, Ausgangssperre, überall Abhörgeräte, Telefonüberwachung, Briefkontrolle. Nicht zu vergessen: kein Radio, kein Fernsehen. Hin und wieder ein paar unvollständige Zeitungen.

Die geschützten Männer – S. 114

Obwohl die meiste Handlung in dem Luxuskonzentrationslager spielt, werden auch die Veränderungen in der Welt gezeigt. Die Amerikaner müssen ihre Truppen aus dem besetzten Deutschland abziehen, womit die UdSSR leicht in Europa hätte einmarschieren können, was jedoch nicht geschieht. China nutzt das allgemeine Chaos und überfällt Taiwan. Fidel Castro erobert Guantánamo zurück, nachdem auch dort die Amerikaner mit ihren Truppen keine gewichtige Präsenz mehr zeigen konnten. Im Gegenzug bombardieren die USA Kuba, vor allem auch deshalb, da sich Kuba als Insel besser vor dem Virus schützen und dadurch einen größeren Teil seiner männlichen Bevölkerung erhalten konnte, was die Präsidentin der USA, nachdem sie eine Siegesrede Castros gehört hatte, in antimännliche Hysterie versetzte und den Befehl zur Bombardierung geben ließ. Das löste weltweite Proteste aus, nur England hielt sich zurück, wo man befürchtete, der Präzedenzfall Guantánamo könnte Spanien ermutigen, sich Gibraltar zurückzuholen, was dann tatsächlich auch geschah, allerdings, ohne daß ein Schuß fiel.
Der energischste Protest gegen die Bombardierung Kubas kam aus Frankreich, woraufhin ein General im Pentagon eigenmächtig, ohne die Genehmigung der Präsidentin, einen weiteren Angriff auf Havanna mit drei Flugzeugen startete, bei dem eine Laserbombe die französische Botschaft zerstörte und den Botschafter tötete.

Das Leben der geschützten Männer ist gefährlich, denn es passiert sehr häufig, daß sie entführt und vergewaltigt werden. So wird ein Gerichtsprozeß beschrieben, bei dem es um einen über Siebzigjährigen geht, der von zwei Teenager-Mädchen über Tage entführt und mehrfach zum Geschlechtsverkehr gezwungen wurde. Der Mann wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt und die Mädchen zu einem Jahr auf Bewährung.
Aber auch auf der Straße werden Männer oft belästigt: Bauarbeiterinnen pfeifen ihnen hinterher und machen herablassende Bemerkungen.

Zum Ende gelingt es, die radikalen Lesben zu stürzen, und mehr gemäßigte Feministinnen übernehmen die Macht, die aber dennoch eine stark gynaikokratisch geprägte Ordnung beibehalten.
Der Protagonist gibt sich der nun gesellschaftlich anerkannten Vielweiberei hin, die allein schon aus patriotischer Sicht dem Zwecke des „Wiederaufbaus“ dienlich ist, und äußert folgende metaphorisch anmutende Frage:

In der harten Sprache der Tatsachen heißt es, daß der Mann in die Frau eindringt. Aber könnte man nicht auch sagen, daß die Frau den Mann „umgibt“?

Die geschützten Männer – S. 353

Abgesehen von der verrückten Handlung, finde ich bemerkenswert, daß das Wort Votze in dem Buch mit V geschrieben wird – also, meinem Verständnis nach, korrekt. Dies mag vielleicht auch nur in der mir vorliegenden Ausgabe, die 1984 im Aufbau-Verlag erscheinen ist, so sein. Andere Übersetzungen schreiben das Wort möglicherweise mit F oder ersetzen es gar nur durch „F-Wort“, um empfindliche Leser nicht zu verschrecken.

„Ich bin sehr betroffen, daß ausgerechnet eine Christin den Haß zwischen den Geschlechtern schürt. Vielleicht bin ich etwas altmodisch, doch ich muß gestehen, daß es mich auch schockiert, von einer Geistlichen in ihrer Predigt einen Ausdruck wie ‚Votze‘ zu hören. (Mutsch sprach das Wort mit echt germanischer Betonung aus.) …“

Die geschützten Männer –S. 61

In einer Gesellschaft, die ist, wie sie dieses Buch beschreibt, wäre dieses Buch sicherlich verboten.

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