Da spazierte ich so durch Pankow und sah ein Geschäft, in dem Silvesterfeuerwerk verkauft wurde, und dachte, gehst du doch mal hinein.
Ein kleiner Laden, rammelvoll mit Leuten, hinterm Tresen zwei Verkäufer, die Raketen zusammenschnürten und Packungen von Chinaböllern herüberreichten, die Wände im engen Raum mit Regalen bestellt, gefüllt mit Wunderkerzen, Bengallichtern und bunten Schachteln voller Silberregen, Pfeifteufel und Knallerbsen.
Während ich mir noch etwas Schnee von den Schuhen schüttelte und die Tür hinter mir zuschwang, fragte ich mich, was ich überhaupt wollte. Einfach mal gucken? Was kaufen?
Bis ich dran wäre könnte es noch dauern, denn die Schlange war lang, wenn man das Gewühl der Menschen um den Tresen als Schlange betrachtete. Doch plötzlich tauchte ein dritter Verkäufer auf, ein groß gewachsener Herr, ungewöhnlich fein gekleidet, mit einem Sakko und einem schwarzen Zylinderhut auf dem Kopf. Er sagte "Der nächste bitte" und blickte über die Menschentraube hinweg auf mich.
Überrascht, daß er ausgerechnet mich meinte, drängelte ich mich zum Tresen vor, wo der Herr mich fragte, was ich denn haben wolle.
Eigentlich wußte ich das noch nicht, also sagte ich: "Tja. Was zum Knallen. So Knaller", weil wir in der DDR immer Knaller hatten. Wer aus der DDR ist, kennt Böller nur als Knaller. Die Ost-Knaller waren viel lauter als die West-Böller. Knaller - das klingt nach Knall. Böller - das klingt wie Böll. Nichts gegen Böll an dieser Stelle, dafür aber etwas gegen platte Wortspiele, wie zum Beispiel, daß es in dem Laden keine Platzkarten gab, also Karten, die mit einem Knall platzen.
"Am liebsten hätte ich gerne Knaller, die man an einer Streicholzreibefläche entzündet", sagte ich.
"Oh", sagte der Herr mit dem Zylinder. "Harzer sind alle. Wir haben nur noch Chinaböller mit Zündschnur".
"Dann nehme ich eine Packung Chinaböller mit Zündschnur", sagte ich, obgleich ich gar keine Böller mit Zündschnur kaufen wollte. Eigentlich wollte ich gar nichts kaufen, oder ich wußte es noch nicht, nur mal gucken, vielleicht Harzer, die man an einer Reibefläche anzünden kann. Die Pfauknaller aus der DDR waren richtige Hämmer. Die konnte man in eine Weinflasche stecken, die Flasche hat es beim Knall zerfetzt. Und die Filous, nur wenig größer als Streichhölzer, konnten auch ordentlich rumsen. Dabei hat die Zündschnur kaum gezischt, kaum geleuchtet. Die Filous konnte man irgendwo hinwerfen, es war still und dann kurz richtig laut.
Die heutigen West-Harzer haben mit den Ost-Harzern nichts gemein. Sie sind viel schwächer.
Als ich wieder auf der Straße war und mit den Chinaböllern im Rucksack heim gehen wollte, vernahm ich plötzlich neben mir ein "Psst!" und eine Hand, die mich berührte. Es war der Herr mit dem Zylinderhut. Er stand neben mir und sprach leise: "Das konnte ich Ihnen drinnen im Laden nicht sagen. Kommen Sie mal!", und er schob mich in einen Hauseingang, dann öffnete er sein Jackett, breitete es aus, und zwar so, daß nur ich alle Knaller sehen konnte, lauter Knaller mit Reibekopf. "Links, das sind Polen", sagte der Herr, "und rechts, das sind Österreicher. Auch sehr laut."
Und er fragte, ob ich ihm welche abkaufen wolle.
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