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Seit ich zuerst sie sah

Sie hatte sich Anfang März nach längerer Zeit wieder einmal gemeldet. Sie werde Berlin verlassen und zurück in ihre Heimat nach ... ziehen, Berlin gebe ihr nichts mehr.
Das ist schade, sagte ich, aber vielleicht auch ein guter Schritt, etwas Neues anzufangen. Und sie fragte, wie sie mir das Buch, das ich ihr geliehen hatte, zurückgeben könne. Sie sei grad am Ausmisten für den Umzug.
Ich hatte ihr den Roman Seit ich zuerst sie sah von Karl Adolph Gjellerup vor fast 20 Jahren, kurz, nachdem wir uns kennen gelernt hatten, ausgeliehen - eine großartig geschriebene Liebesgeschichte aus der Feder des späteren Literaturnobelpreisträgers.
Über die Zeit war es unser Buch geworden, jene Zeit, in der wir einige kurze intensive Phasen hatten und uns dann wieder Jahre kein einziges Mal sahen. Als sie sich nach langer Pause einmal im Facebook-Chat meldete, war ich unsicher, ob sie es wirklich war; vielleicht hatte jemand ihren Account gekapert. Also fragte ich, welches Buch sie noch von mir habe.
Und diesmal wollte sie es zurückgeben, ob man sich treffen könne, aber ein Treffen war mir gerade zu viel. Sie schlug vor, das Buch per Post zu schicken, sagte aber sogleich, daß sie keinen Karton finde, es zu verpacken. Wir einigten uns darauf, daß sie das Buch zunächst behält, und ich sie nach ihrem Umzug im Mai oder Juni in ihrer alten Heimat besuche, um es abzuholen. Ich glaube, wir wußten beide, daß es darum nicht ging.
Das Treffen in Berlin hatte ich abgelehnt, da ich annahm, es könnte wie schon einige Male in einem Saufabend mit ungewissem Ausgang enden. Über die Jahre schien mir ihre Neigung zum Alkohol kontinuierlich zugenommen zu haben, und ich fürchtete, es könnte irgendwann ein böses Ende nehmen. Sie war mein Alkoholmädchen, das ich gern beschützt hätte, aber nie konnte. Mal empfand ich sie als Vamp, der mich aussaugen wollte. Mal glaubte ich, sie suche Liebe, die ich ihr nicht zu erwidern wagte. Sie war 17 Jahre jünger als ich.
Es wurde Mai, es wurde Juni. Ich meldete mich nicht bei ihr, und sie meldete sich nicht bei mir. Ein bißchen war ich froh, denn ich war gesundheitlich etwas angeschlagen. Der Sommer flog durchs Land, ich mußte mich einer OP unterziehen, der Herbst kam, und ich beschloß, mich bei ihr zu melden, um zu fragen, wie es ihr denn gehe.
Allerdings funktionierte ihre Telefonnummer nicht mehr. Also schrieb ich sie auf Facebook an, aber sie antwortete nicht, und sie las es auch nicht. Ich fragte gemeinsame Freunde, ob sie eine aktuelle Telefonnummer hätten, doch niemand wußte etwas. Schließlich entschied ich mich, ihrer Ehefrau, mit der sie sich meines Wissens nach in Scheidung befand, auf Facebook zu schreiben.
Ich war auf Arbeit im Büro, als die Antwort im Facebook-Messenger auf dem Handy pling machte. Im selben Augenblick als ich die Nachricht gelesen und erfaßt hatte, begann mein Kollege etwas über Salt-Stack, VPN und Programmierdetails zu sprechen. Ich verstand nicht, was er sagte, ich glaube, ich hatte Tränen in den Augen und mein Kopf dröhnte. Mechanisch sagte ich: Ich hab das nicht ganz verstanden und überlegte kurz, ob ich erklären sollte, warum. Doch, bevor ich etwas sagen konnte, wiederholte er noch einmal etwas ausführlicher seine Überlegungen zu Salt-Stack und VPN. Ich glaube, es war eine Frage, die ein Ja oder Nein von mir forderte. Ich antwortete mit Ja. Oder mit Nein. Ich weiß es nicht mehr. Es war mir völlig egal, welche Antwort ich gab. Ich verließ das Büro. Ich mußte an die frische Luft. Ich mußte mich setzen. Mir zitterten die Hände.
Unzählige Momente schossen mir durch den Kopf. Wie sie vor 20 Jahren zum ersten Mal singend, hüpfend in mein Büro kam. Ich hielt sie zunächst für eine Studentin, dabei war sie die neue Sekretärin der Rektorin. Einmal verließ ich eine Hochschulfeier etwas früher, weil ich noch ein Date hatte. Ich erzählte ihr davon. Zum späten Abend hin fiel sie dann mit einem harten Kern von Dozenten in das Lokal ein, in dem ich mit meiner Verabredung beim Wein saß. Und was tat sie? Sie baggerte die Frau an - nicht mich. Sie tauschten Telefonnummern. Ich glaube aber, aus den beiden wurde nichts. Bei mir auch nicht. Und natürlich, wie sie in einer Stampe unvermittelt ihre letzten 20 Euro in den Spielautomaten steckte. Was wäre gewesen, hätte ich da gesagt: Drück das Kleeblatt, nicht die Bombe? Und was, mein liebes Alkoholmädchen, was wäre, hätte ich mich im März auf ein Treffen mit dir eingelassen?

Tags: Alkohol, Liebe, Arbeit

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